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  • Joe Swann

Antworten aus der Emigration: Die Sammlung Föhse in der Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal



Die Sammlung Ulrich Föhse ist ein Wissensspeicher ganz besonderer Art. Der Wuppertaler Lehrer recherchierte in aller Welt nach Juden, die entweder selbst oder deren Familien in Wuppertal gelebt hatten. Er bat sie, ihm über ihr Leben, über ihre Erinnerung an Flucht und Emigration zu berichten. So gelang es ihm in jahrelanger Arbeit, unter anderem über 500 Briefe, Berichte über die Zeit zwischen 1936 und 1948 und mehr als 600 Fotos zusammenzutragen, darunter Texte von hoher literarischer Qualität und historischer Bedeutung. So ist eine Zusammenschau jüdischen Lebens in Wuppertal entstanden, die weit über sich selbst hinaus weist.


Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts gab es in den Städten und der Region um das heutige Wuppertal eine lebendige und stetig wachsende jüdische Gemeinschaft. Die meisten Mitglieder waren reformierte deutsche Juden aus der Mittelschicht, daneben gab es eine kleinere orthodoxe Gemeinde und eine beachtliche Minderheit von osteuropäischen Juden, die Jiddisch sprachen und traditionell orthodox waren. Die Synagogengemeinde von Elberfeld-Barmen errichtete zwei Synagogen, beide in zentraler Lage: 1865 die Synagoge in Elberfeld, 1897 folgte die Synagoge in Barmen. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts hatten auch die beiden kleineren orthodoxen Gemeinden eigene Gebetsräume in Elberfeld eingerichtet. Der Alltag dieser unterschiedlichen jüdischen Gemeinden, ihre Zerstörung im Holocaust, der langsame Erholungsprozess nach dem Krieg und die weitere positive Entwicklung in der heutigen Zeit ist eindrucksvoll in den Sammlungen der Begegnungsstätte Alte Synagoge dokumentiert, zu denen auch die Sammlung Ulrich Föhse gehört.


Wie die Begegnungsstätte Alte Synagoge entstand, ist ein typisches Beispiel dafür, wie Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg versucht hat, sich zwar langsam aber beharrlich seiner eigenen Vergangenheit zu stellen. Die Begegnungsstätte wurde 1994 an der Stelle eröffnet, wo bis 1938 die Elberfelder Synagoge gestanden hatte. Sie hat sich zur Aufgabe gemacht, „die Erinnerung an das Schicksal der jüdischen Bevölkerung […] insbesondere zur Zeit des Nationalsozialismus, wachzuhalten“ und das Wissen über Leben und Leistungen der Wuppertaler Juden zu fördern. 2011 wurde eine ständige Ausstellung mit Dokumenten, Berichten und Kunstgegenständen eröffnet, die die jüdische Religion, Geschichte und Kultur in Wuppertal und Umgebung illustriert.



Ein Erinnerungsprojekt ganz eigener Art


Mit einem ähnlichen Ansatz begann in den späten 1980er Jahren Ulrich Föhse, Leiter einer Wuppertaler Schule und gleichzeitig engagierter Historiker und auch Wuppertaler Stadtverordneter, mit seinem eigenen Erinnerungsprojekt: Er platzierte Anzeigen in jüdischen Medien auf der ganzen Welt und bat Menschen, die entweder selbst oder deren Familien in Wuppertal gelebt hatten, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Viele folgten seiner Bitte. Föhse selbst hatte jüdische Großeltern, aber in seinen Anzeigen betonte er vor allem, dass er persönlich – im Jahr 1944 geboren – zu einer Generation von Deutschen gehörte, die nicht mehr direkt für die Gräueltaten der Nazis verantwortlich gemacht werden konnte.


Föhse nannte in seinem Schreiben zehn Punkte, zu denen er um Antworten bat: Informationen zur eigenen Person und Familie, zum sozialen Hintergrund, zu Erinnerungen an die Kindheit und Schulzeit, zur religiösen Erziehung, zu Besuchen in der Synagoge und zu den Rabbinern, zu Mitgliedschaft in jüdischen Vereinen, zur Einstellung zu Zionismus und zum orthodoxen Glauben in der eigenen Familie, zu antisemitischen Erfahrungen, zu Erinnerung an Flucht und Emigration und zum Kenntnisstand über die Deportation von Familienmitgliedern und Freunden. Einige der Briefschreiber folgten der Liste recht eng, aber die meisten nahmen die Überschriften eher als Stütze, mit deren Hilfe sie ihre eigenen (oft ausgesprochen lebendigen) Erinnerungen zu Papier brachten. Föhse bat auch darum, ihm Fotos oder andere Dokumente auszuleihen.



Adelheid und Ulrich Föhse vor der Skyline von New York City anlässlich ihres Besuchs im Frühjahr 1985 (© Alte Synagoge Wuppertal)




Ehemalige Wuppertaler Juden erinnern sich


Die Zahl der Kontakte wuchs rasch an: In den nächsten zwei Jahrzehnten (zuallermeist in den 1980er Jahren) kamen über 500 Briefe an, von denen mehr als 400 ausführlich auf seine Fragen antworteten. Föhse wurden auch mehr als 600 Fotos zugeschickt, mehrere Sammlungen von privaten Briefen und einige direkte Berichte über die Zeit zwischen 1936 und 1948. Die gesamte Sammlung befindet sich in den Archiven der Begegnungsstätte Alte Synagoge. Eine Übersicht über den Inhalt, darunter auch die vollständige Namensliste der Briefpartner inklusive ihrer Wohnorte, kann man in dem Band Antworten aus der Emigration finden – aber dazu später mehr. Neben der stetig wachsenden Korrespondenz mit den vielen Briefschreibern organisierte Föhse einige größere und kleinere Treffen zwischen ehemaligen Wuppertalern 1981 in Tel Aviv und London, 1983 in Ra’anana und 1985 in New York. Er nahm selbst an den Treffen teil. Seine Frau und er besuchten viele Briefpartner in anderen Ländern, Reisen, die das persönliche Engagement verstärkten und zu vielen intensiven Freundschaften führten. In der Folge gab es Gegenbesuche im Haus der Föhses in Wuppertal. Im Archiv befinden sich auch 90 Audiokassetten mit Aufnahmen von Gesprächen, die bei diesen Gelegenheiten entstanden.



V.l.n.r.: Ida (1863-1939) und Leopold Weißkopf (1862-1934) am Kaffeetisch in ihrem Haus in der Freiligrathstraße in Barmen; Die letzte Klasse mit jüdischen Schülern des Oberkantors Hermann Zivi (1867-1943), Elberfeld 1928; Baruch Weingarten (1865-1922), der Vorbeter, Lehrer, Schächter und Friedhofskommissar der orthodoxen jüdischen Gemeinde; Barmer Mädchengruppe der „Kameraden“, 1930; Max Wahl (1870-1947) auf dem Balkon seines Hauses Nützenberger Straße in Elberfeld; Max Banker (hinten ganz links) im Kreis seiner Chawerim von HaKoah Wuppertal. Januar 1938; (Alle Fotos: © Alte Synagoge, Wuppertal)




Ein großes Projekt der Alten Synagoge in den letzten Jahren war die Veröffentlichung einer umfangreichen Auswahl von Briefen, Fotos und anderen Dokumenten aus der Sammlung Föhse in Buchform. Das Buch Antworten aus der Emigration erschien 2018, herausgegeben und mit einer ausführlichen Einleitung und umfangreichen Anmerkungen versehen von Dr. Ulrike Schrader, Leiterin der Begegnungsstätte Alte Synagoge. 2019 erschien die englische Ausgabe unter dem Titel Writing to a Lost Home (genaue Angaben zu den Titeln s.u.). Interessant ist ganz besonders die Vielfalt der Stimmen und die einzigartige Qualität einzelner Dokumente. Die Briefpartner kamen aus ganz unterschiedlichen Lebensbereichen und hatten völlig unterschiedliche soziale Hintergründe. Die Briefe stellen daher einen Querschnitt des jüdischen Lebens in Wuppertal sowohl vor als auch nach der Machtergreifung der Nazis dar. Zu den „Beilagen“ gehören einige Dokumente von erheblichem literarischen und auch historischem Wert. Besonders herauszuheben sind z.B. Ilse Loews Bericht über die Reise der Flandre nach Kuba mit der tragischen Rückkehr ins besetzte Frankreich und Richard Strauss’ langer und detailreicher Brief an seine Geschwister in Kalifornien über das Leben der Juden in den Niederlanden unter der deutschen Besetzung. Besonders eindrücklich ist auch Ellen Loebs Bericht über die Verschleppung, die sie und ihre Mutter über die Konzentrations- und Vernichtungslager in Westerbork, Theresienstadt, Auschwitz und Mauthausen und am Ende zur Befreiung durch die amerikanische Armee führte.


Antworten aus der Emigration kann als repräsentativer Vorgeschmack darauf gesehen werden, welche Schätze die Sammlung Föhse birgt. Man kann das Buch durchaus als umfangreich bezeichnen, aber die Auswahl von 30 Briefwechseln gibt nur einen kleinen Ausschnitt der Sammlung wider. Über 90 Prozent des Archivs gilt es noch zu entdecken und zu erforschen.



Joseph Swann



© Titelbild: Alte Synagoge Wuppertal