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  • Bernhard Jensen

Der Club der jüdischen Bibliophilen: Die Soncino-Gesellschaft im Jüdischen Museum Berlin




Vor fünf Jahren hat die Bibliothek des Jüdischen Museums Berlin begonnen, ausgewählte Bestände zu digitalisieren und online zu stellen. Den Anfang machte die Sammlung der Soncino-Gesellschaft der Freunde des jüdischen Buches, die sich nach der deutsch-italienischen Druckerfamilie Soncino aus dem 15. Jahrhundert benannte und deren Druckersignet als Logo übernahm.



Die Freunde des jüdischen Buches, das waren jüdische Bibliophile, die die Soncino-Gesellschaft 1924 gegründet hatten. Angeregt von der internationalen Buchkunstbewegung waren bereits seit der Jahrhundertwende viele solcher Gesellschaften entstanden. Die Soncino-Gesellschaft war ein Nachzügler, entwickelte sich aber innerhalb kürzester Zeit mit 650 Mitgliedern zu einem der größten bibliophilen Vereine in der Weimarer Republik. Der Zeitpunkt war günstig: Die Geburtswehen der jungen Demokratie schienen überstanden. Gleichzeitig hinterließen die von der Nachkriegsinflation angezogenen jüdischen Verlage aus Osteuropa, die insbesondere in Berlin für eine kurze Blüte der jüdischen Buchkultur gesorgt hatten, ein spürbares Vakuum.


„Wer eine Sammlung aufbaut, will die Gewissheit haben, sich ihr längere Zeit ungestört erfreuen, am liebsten sie seinen Nachkommen vererben zu können.“

Abraham Horodisch



Die erste und einzige jüdische bibliophile Vereinigung Deutschlands


Die Initiative zur Vereinsgründung ging von dem jungen Jurastudenten Herrmann Meyer aus, der den gelegentlichen Austausch mit anderen Sammlern verstetigen wollte. In den jungen Verlegern Abraham Horodisch und Moses Marx, der 1926 nach Cincinnati ans Hebrew Union College ging, fand er seine ersten Mitstreiter, in Heinrich Loewe, dem Doyen der zionistischen Bewegung und Bibliothekar an der Berliner Universität, einen umsichtigen Mentor. Auch der gerade von München



 

Der Zweckparagraf in den "Satzungen" der Soncino-Gesellschaft (Jüdisches Museum Berlin, VIII.4. Sonc://dfg-viewer.de/show/?tx_dlf[id]=https://jmb01.intranda.com/mets/soncdefrd_00021831.xml)



nach Berlin gezogene Arnold Zweig engagierte sich anfangs für das bibliophile Projekt, das die jüdische Renaissance auf ein neues Niveau zu heben versprach. Bereits 1925 erschien der erste Band der Zeitschrift Soncino-Blätter, die sich nicht nur an die Vereinsmitglieder, sondern an die allgemeine Öffentlichkeit richtete. Im Ehrenausschuss waren von Leo Baeck über Chaim Bialik bis Martin Buber Rabbiner Künstler und Gelehrte vertreten, die Rang und Namen nicht nur im deutschen Judentum hatten.



 

"Der Bücherfreund“ war ein Geschenk des Bildhauers Jacob Plessner an die Soncino-Gesellschaft (Jüdisches Museum Berlin, VIII.4. Sonci 15,

http://dfg-viewer.de/show/?set[mets]=https://jmb01.intranda.com/mets/plesder_00007977.xml)




Jüdische Tradition und moderne Buchkunst


Die Soncino-Gesellschaft gab über 100 Publikationen aus allen Epochen und Gebieten der jüdischen Kultur heraus: eine Reihe von 15 offiziellen Vereinspublikationen, 61 von einzelnen Mitgliedern gespendete und auf den Jahresversammlungen verteilte Drucke, dazu Sonderpublikationen, Werbe- und Zeitschriftenhefte. Das ehrgeizigste Projekt war die Entwicklung einer hebräischen Drucktype. Mit Marcus Behmer wurde dafür auch schon bald ein kompetenter Buchkünstler gewonnen, dessen nichtjüdische Herkunft allerdings einen heftigen Streit mit dem Kunsthistoriker Karl Schwarz auslöste. Vor allem wollte die Soncino-Gesellschaft als erstes das Buch der Bücher in der neuen Schrifttype gedruckt wissen. Langwierige Korrekturen führten dazu, dass die hebräische Bibelausgabe erst im Januar 1933 fertiggestellt wurde, so dass kein anderes Buch mehr mit der „Soncino-Hebräisch“ erschien. Doch im Schatten der Bibelausgabe formten sich die Publikationen der Soncino-Gesellschaft zu einem Kanon, in dem sich orthodoxe und zionistische ebenso wie liberale Juden wiederfinden konnten.



 

Faksimile und Übersetzung eines Titelblatts aus "Frucht vom Baum des Lebens". Die Sammlung der Rechtsgutachten Peri Ez Chajim des Rabbinerseminars Ets Haim zu Amsterdam, geordnet, ins Deutsche übertragen und in gekürzter Form herausgegeben von Menko Max Hirsch, Berlin/Antwerpen: [Officina Serpentis] 1936. Der Druck der letzten Vereinspublikation wurde 1932 begonnen und im Januar 1937 abgeschlossen. Menko Max Hirsch war inzwischen in die Niederlande emigriert. (Jüdisches Museum Berlin, VII.5. Fruch 864, http://dfg-viewer.de/show/?set[mets]=https://jmb01.intranda.com/mets/hirsfruc_00033103.xml)




Willem Burgers‘ Antiquariat Spinoza


Dass das Jüdische Museum Berlin sämtliche Publikationen der Soncino-Gesellschaft besitzt, ist dem Amsterdamer Antiquar Willem Burgers (1929 - 2013) zu verdanken, der mit seinem 1970 gegründeten Antiquariat Spinoza in den 1980er Jahren Hebraica und Judaica für das im Entstehen begriffene Museum in Berlin zu sammeln begann. Die Bücher und das leider nur zum Teil überlieferte Vereinsarchiv der Soncino-Gesellschaft erwarb Burgers Mitte der 1980er Jahre aus dem Nachlass des 1972 verstorbenen Schriftführers Herrmann Meyer von dessen Tochter in Jerusalem. Fehlende Bände ergänzte er und reservierte die Sammlung für Berlin, bis das Jüdische Museum sie 1993 endlich ankaufen konnte. Die Sammlung ist nicht nur komplett, sondern enthält auch Unikate, Probedrucke, Widmungsexemplare, Ephemera und eine für die Forschung unschätzbare Pressedokumentation. 2001 erwarb das Jüdische Museum vom Antiquariat Spinoza zudem die Sammlung des Amsterdamer Soncino-Mitglieds Sigmund Seeligmann, die aufschlussreiche Einblicke in die Korrespondenzen des Vereins bietet.



Dr. Bernhard Jensen ist Bibliothekar im Jüdischen Museum Berlin und hat die vom Land Berlin geförderte Digitalisierung der Sammlung Soncino-Gesellschaft betreut.



Literatur:

Abraham Horodisch, Ein Abenteuer im Geiste. Die Soncino-Gesellschaft der Freunde des jüdischen Buches, Sonderdruck aus: Bibliotheca docet, Amsterdam: Verlag der Erasmus Buchhandlung 1963, ttp://dfg-viewer.de/show/?set%5bmets%5d=https://jmb01.intranda.com/mets/horoaben_00021654.xml

Vera Bendt, Willem Burgers. Ein Amster­damer Antiquar im Geiste von Spinoza, in: Imprimatur N.F. 24.2015, S. 11–54.

Bernhard Jensen, Ein Kanon der jüdischen Renaissance. Soncino-Gesellschaft der Freunde des jüdischen Buches. Mit einem Beitrag von Vera Bendt, Göttingen: Wallstein 2017.



© Titelbild: Jüdisches Museum Berlin (DOK 93/502/24, https://objekte.jmberlin.de/object/jmb-obj-586366)