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  • Rebekka Denz

Verträumt, versteckt und vielfältig – die Bücherei des Judentums in Buchen/Odenwald




Nach dem Erklimmen der ungleichen Sandsteinstufen zum ehemaligen Beginenkloster betritt man durch die mit Patina besetzte Holztür einen verträumten, aber keineswegs verschlafenen Ort – die Bücherei des Judentums.



Im Erdgeschoss befinden sich fast 100 Regalmeter Belletristik und (auto-)biografische Literatur. Steigt man im Gebäude die paar Dutzenden Stufen der Wendeltreppe hoch, öffnet sich im Obergeschoss ein kleinteiliger Raum mit rund 7.000 Fachbüchern. Als Schwerpunkte lassen sich jüdische Regionalgeschichte weltweit, theologische Themen, der jüdisch-christliche Dialog, die Verfolgungsgeschichte in der Zeit des Nationalsozialismus, die Geschichte und Gegenwart der zionistischen Bewegung sowie der Staat Israel ausmachen.


Der Überraschungseffekt funktioniert seit mehr als 20 Jahren. Egal ob Einheimische, Touristinnen und Touristen oder eigens zur Nutzung der Bücherei Angereiste – beim ersten Betreten sind alle erstaunt über den reichhaltigen Bücherschatz, der sich hinter den alten Gemäuern des ehemaligen Beginenklosters versteckt. Im Klösterle hat die Bücherei des Judentums mit einem Buchbestand von 10.000 Titeln ihren Sitz.



 

©: Bücherei des Judentums




Buchen im Odenwald


Buchen ist eine Kleinstadt im baden-württembergischen Teil des Odenwaldes, die mit Highlights wie von Egon Eiermann entworfenen Gebäuden und dem Zentrumsstatus während der regionalen Fastnacht aufwarten kann. Ansonsten besticht Buchen durch pittoreske Straßenzüge und seine Abgeschiedenheit.



„Regionalhistorische Forschung lebt von 'Grauer Literatur', die es in der Regionalia-Ecke der Bücherei des Judentums zu Hauf gibt. Mein derzeitiger Liebling ist die Broschüre 'Textiles Gedächtnis. Neue Funde zur jüdischen Vergangenheit in Aschaffenburg'.“

Rebekka Denz, als Judaistin Teil des Teams



In Bezug auf die jüdische Geschichte sind in der durch das ländliche Judentum geprägten Region der Bezirksfriedhof Bödigheim mit einem aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts stammenden Leichenwagen, der 2019 restauriert wurde, als Besonderheit zu nennen. Der jüdische Buchener Jacob Mayer – Kaufmann, Mundartdichter und Lokalpatriot – textete in der Zeit der Weimarer Republik das Fastnachts- und das Schützenmarktlied. Beide werden seitdem alljährlich zu diesen Anlässen gesungen. Zudem sind die fotografischen Porträts von Juden und Jüdinnen der Gegend aus den 1920er und 1930er Jahren aus der Sammlung des örtlichen Fotografen Karl Weiß hervorzuheben, die im Bezirksmuseum Buchen aufbewahrt werden.



„Mein Lieblingsbuch: Jacob Mayer – Mundartdichter, Lokalpatriot und Chronist der Stadt Buchen, Buchen 2016. Hochangesehen und verwurzelt – verfemt und einsam gestorben. Die Lebensgeschichte des jüdischen Mundartdichters und Ur-Bucheners Jacob Mayer ist im Allgemeinen ein eindrückliches Beispiel für den Werdegang eines badischen Juden vom Kaiserreich über die Weimarer Republik bis hin zum tragischen Ende im 'Dritten Reich'. Im Speziellen beleuchtet das Buch, das Biografie und Werk des Dichters vereint, auch die Geschichte und Dialektentwicklung der Stadt Buchen und ist deshalb auf vielen Ebenen ungemein wertvoll.“

Tobias-Jan Kohler, Stiftungsverwalter und Stadtarchivar Buchen



 

©: Bücherei des Judentums




Wie kam die Bücherei nach Buchen?


Wie kam diese judaistische Spezialbibliothek überhaupt hierhin? Der Begründer und Stifter der Bibliothek ist der Pfarrer Herbert Duffner, der in seiner Studienzeit in München einen Vortrag von Martin Buber besuchte. Die Veranstaltung prägte ihn sehr und löste ein tiefes ehrliches Interesse an der jüdischen Religion, dem jüdisch-christlichen Austausch und der jüdischen Kultur insgesamt aus. Der katholische Theologe baute eine Privatbibliothek auf, die er rasch der Öffentlichkeit zugänglich machte. Im Ruhestand verhandelte er mit der Stadt Buchen die bis heute geltenden Bedingungen für die Bücherei des Judentums in Buchen aus. Die von Duffner 1998 gegründete Stiftung Bücherei des Judentums besorgt die Neuankäufe und den Betrieb der Bücherei nebst Veranstaltungsprogramm. Die Stadt Buchen stellte die Räumlichkeiten zur Verfügung und unterstützt maßgeblich bei der Verwaltung der Stiftung.



„Über den jüdischen Religionsphilosophen und Mitbegründer der Dialogphilosophie Martin Buber hat sich mir die Welt des Judentums eröffnet und besonders berührt mich sein Buch 'Der Weg des Menschen nach der chassidischen Lehre'. Buber geht in dieser Abhandlung den Grundfragen der menschlichen Existenz und der Suche nach dem Sinn im Leben nach.

Dr. Georg Kormann, Psychologischer Psychotherapeut und Theologe, Mitglied des Bücherei-Teams



Welche Zielgruppen hat die Bücherei?


Die Bücherei des Judentums ist eine Ausleih- und Arbeitsbibliothek mit Onlinekatalog. Menschen aus Buchen und der weiteren Region können sich während der regulären Öffnungszeiten für die Ausleihe von Buchtiteln aus dem reichhaltigen Fundus entscheiden.



Ich habe kein Lieblingsbuch, aber ich habe eine absolute Lieblingsreihe, das sind die Jüdischen Miniaturen: handlich vom Format, kurz und prägnant, dennoch überschaulich informativ. Man kann sich in kurzer Zeit einen umfassenden Überblick über Personen und Gebäude machen. Jedes Thema aus Geschichte, Religion, Kultur und Politik wird aufgegriffen. Ich habe schon mehrfach am Tag der jüdischen Kultur daraus vorgelesen und immer ein positives Echo gehört.

Gisela Brech, langjähriges Mitglied des Bücherei-Teams



Das ehrenamtliche Team der Bücherei – einige Teammitglieder stellen sich hier im Blog mit ihren Lieblingsbüchern vor – bietet regelmäßig öffentliche Führungen an, um weitere Zielgruppen für den Bestand und die anvisierten Themen zu erschließen. Auch aus diesem Grund hält die Stiftung Bücherei des Judentums ein öffentliches Veranstaltungsprogramm mit verschiedenen Formaten und zu unterschiedlichen Aspekten der Jüdischen Studien bereit.


Darüber hinaus lobt die Stiftung Bücherei des Judentums zwei Stipendien aus. An dieser Stelle vorgestellt werden soll die „Schreibzeit in Buchen“, die in Kooperation mit dem „Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk“, Berlin (ELES) seit 2016 angeboten wird. Stipendiatinnen und Stipendiaten sowie Alumnae und Alumni von ELES wird die Möglichkeit gegeben, die Räumlichkeiten und die Buchbestände für zwei Wochen zu nutzen. In diesen Zeitraum steht ihnen die Bücherei uneingeschränkt für ihre wissenschaftliche Arbeit zur Verfügung. Sie können sich in ruhiger Atmosphäre konzentriert ihren Forschungen widmen und ihre Ergebnisse am Ende des Aufenthalts der interessierten Öffentlichkeit im Rahmen eines Vortrags präsentieren. Sechs junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler konnten schon in Buchen begrüßt werden.



„Mich interessieren alle historischen Themen. Mein Engagement als Vorsitzender der Stiftung resultiert aus der Motivation, in der Rentnerzeit etwas Sinnvolles zu tun. Wo kann das besser aufgehoben sein, als das Judentum auf diese Weise in der Öffentlichkeit bekannter zu machen.“

Hermann Schmerbeck, Team-Mitglied der ersten Stunde



Welche Menschen stehen hinter der Bücherei?


Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bücherei sind ehrenamtlich tätig. Das Team vor Ort besteht mehrheitlich aus Menschen, die sich im Ruhestand für das Projekt engagieren. Sie ermöglichen regelmäßige Öffnungszeiten, pflegen die Neuanschaffungen in den Onlinekatalog ein und organisieren gemeinsam mit dem städtischen Mitarbeiter und Stiftungsverwalter das Veranstaltungsprogramm. Begleitet werden sie von zwei Judaistinnen, die sie bei den Neuanschaffungen und Signaturvergabe der Fachbücher sowie bei der Veranstaltungsplanung mit ihrer Expertise unterstützen.



Rebekka Denz ist Judaistin und Mitglied des Teams.



© Titelbild: Bücherei des Judentums