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Dr. Lara Lempert (Lempertienė)

Die Judaica-Sammlung der Litauischen Nationalbibliothek

Die Judaica-Sammlung der Martynas-Mažvydas-Nationalbibliothek Litauens umfasst einen umfangreichen, zugleich jedoch äußerst fragmentarischen Korpus jüdischer Druckwerke (Bücher, Periodika und Ephemera aus dem 15.–20. Jahrhundert) sowie handschriftlicher Dokumente (18.–20. Jahrhundert). Es handelt sich um Bestände, die in Litauen – vor allem in Vilnius – trotz der systematischen Plünderung und Zerstörung des jüdischen Erbes während der Zeit der nationalsozialistischen Besatzung, erhalten geblieben sind. Zu der Sammlung gehören rund 70.000 Bücher, über 1.000 Periodika sowie 10.000 Seiten gedruckter Ephemera auf Hebräisch und Jiddisch sowie in europäischen Sprachen, jedoch jüdischer Provenienz. Der handschriftliche Bestand umfasst ungefähr 250.000 Seiten.

Die Materialien waren einst Teil von Archiven und Sammlungen unterschiedlichster religiöser, pädagogischer, sozialer, politischer und kultureller jüdischer Organisationen im Litauen der Zwischenkriegszeit. Die umfangreichsten erhaltenen Bestände stammen auf der jüdischen Gemeinde von Vilnius und ihren Einrichtungen, so etwa aus dem Rat der litauischen Jeschiwot, der Jüdischen Historisch-Ethnografischen Gesellschaft um S. An-ski, dem Jüdischen Wissenschaftlichen Institut YIVO sowie zahlreichen Bildungsnetzwerken, Bibliotheken und Verlagen. Nicht minder bedeutend sind die überlieferten Ego-Dokumente und privaten Sammlungen – so jene des Gelehrten, Bibliophilen und Philanthropen Mattityahu Strashun, dessen persönliche Bibliothek den Grundstock der ersten jüdischen öffentlichen Bibliothek in Vilnius bildete.

So groß waren Vielfalt und Reichtum des kulturellen Lebens der jüdischen Gemeinschaft vor dem Zweiten Weltkrieg, dass trotz der Ermordung fast aller Mitglieder durch die Nationalsozialisten und trotz des systematischen Raubs von tausenden wertvollen Artefakten und Dokumenten bedeutende Überreste erhalten geblieben sind. Sie zeichnet ein herausragender historischer und kultureller Wert aus.

Rettung durch die Papierbrigade

Vor allem den Dichtern Avrom Sutzkever und Shmerke Kaczerginski sowie weiteren Mitgliedern der sogenannten „Papierbrigade“ 1 ist es zu verdanken, dass zumindest ein Teil der Bestände überlebt hat. Die Mitglieder der Papierbrigade versteckten sie im Ghetto von Vilnius und an weiteren Orten. Am Vorabend der Auflösung des Ghettos im Jahr 1943 schlossen sich Sutzkever und Kaczerginski den Partisanen an und beteiligten sich 1944 an der Befreiung von Vilnius von der nationalsozialistischen Herrschaft.

Seite aus dem Manuskript "Zehn Gedichte" von Avrom Sutzkever, Ghetto Vilnius 1943

Unmittelbar nach ihrer Rückkehr in die Stadt gründeten sie das Jüdische Museum, wo sie alles zusammentrugen, was sie noch in ihren geheimen Verstecken finden konnten, ebenso wie Judaica, die überall in der Stadt verstreut waren. Doch bereits 1948/49 schlossen die sowjetischen Behörden – in einem Klima von wachsendem staatlichem Antisemitismus – jene wenigen jüdischen Einrichtungen, die in Litauen dank der Bemühungen unzähliger Überlebender aktiv waren. Auch das Jüdische Museum wurde geschlossen. Zu diesem Zeitpunkt übernahm der damalige Direktor des „Buchpalastes“ (nationales Pressearchiv), der Litauer Antanas Ulpis, die Druckwerke und Handschriften, die andernfalls höchstwahrscheinlich der Vernichtung anheimgefallen wären.

Atanas Ulpis

Versteckt im Kloster

In den folgenden Jahren organisierte Ulpis Expeditionen an verschiedene Orte in Litauen, um Objekte des jüdischen Kulturerbes, die keine Besitzer mehr hatten, zu sammeln. Um deren Erhalt zu sichern, versteckte Ulpis sie in der hintersten Ecke des ehemaligen Klosters, das von den Sowjets zum „Bücherpalast“ umfunktioniert worden war. Eine große Anzahl von Manuskripten und anderen Dokumenten übergab er zur sicheren Aufbewahrung an die Nationalbibliothek, die damals eine eigenständige Einrichtung war.

Auf inoffizielle Anweisung von Ulpis versuchten jüdische Mitarbeiter*innen der Buchkammer, die aus dem Jüdischen Museum stammenden Bücher und Dokumente zu sortieren und zu katalogisieren. Unter anderem weil diese nach Israel und in die USA emigrierten, wurde die Arbeit eingestellt.

Neubeginn mit Litauens Unabhängigkeit

Erst als Litauen 1990 seine Unabhängigkeit wiedererlangte, wurde das Tabu bezüglich der Arbeit mit jüdischen Dokumenten gebrochen. Es wurden mehrere Expert*innen für jüdische Bibliografie eingestellt, um die hebräischen und jiddischen Bücher zu katalogisieren. Diese Arbeit gewann mit der Zeit zunehmend an Dynamik. 1992 wurde der „Buchpalast“ in die Nationalbibliothek integriert. Die Autorin dieses Textes nahm 1995 ihre Tätigkeit als Bibliografin für jüdische Bücher und Zeitschriften an der Nationalbibliothek auf.

Allerdings wurden die jüdischen Dokumente, die die Nationalbibliothek aus Ulpis‘ Sammlung erhalten hatte, so gut wie gar nicht bearbeitet und gerieten jahrzehntelang in den riesigen Regalen der Handschriftenabteilung in Vergessenheit.

Erst 2016 entdeckten sie Mitarbeiter*innen des neu gegründeten Judaica-Forschungszentrums (Judaica Research Center, JRC) wieder – mit Hilfe der Kolleg*innen aus der Handschriftenabteilung. Diese erinnerten sich auf Nachfrage an die dort all die Jahre aufbewahrten Dokumente und machten sie zugänglich. Die Bücher, Zeitschriften und Manuskripte wurden schließlich wieder in die Judaica-Sammlung aufgenommen. Sie stehen nun unter der Obhut des JRC, das sie identifiziert, sortiert, erforscht, katalogisiert und für ihre Konservierung und Restaurierung sorgt. Ein weiteres Ziel des JRC ist es, die jahrzehntelang vor den Augen der Welt verborgene Sammlung durch Ausstellungen, Vorträge, Präsentationen auf Konferenzen, pädagogische Workshops und die Veröffentlichung ausgewählter Dokumente bekannt zu machen.

Bestände aus der Judaica-Sammlung werden „Memory of the World“

Im Jahr 2022 wurde in einem Außenmagazin der Bibliothek ein weiterer Dokumentenbestand entdeckt. Dieser setzt sich hauptsächlich aus Büchern und Zeitschriften zusammen, umfasst aber auch Dokumente. Da die Arbeiten dort andauern, lässt sich der genaue Umfang zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abschätzen.

Zwei Bestände der Judaica-Sammlung – die persönliche Bibliothek von Mattityahu Strashun und Werke des Gaon von Wilna, Eliah ben Schlomo Salman (1720-1797) – wurden in das UNESCO-Dokumentenerbe-Programm „Memory of the World“ aufgenommen.

Siegmund Freuds Einführung in die Psychoanalyse in jiddischer Übersetzung, YIVO, Vilnius 1938

Das JRC gehört zur Abteilung „Dokumentarisches Erbe“. Es arbeitet mit dem YIVO-Institut für jüdische Forschung in New York, der Israelischen Nationalbibliothek, dem World ORT, dem Fortunoff-Videoarchiv für Holocaust-Zeugnisse, dem Jüdischen Historischen Institut in Warschau (ZIH), mehreren Universitäten sowie weiteren internationalen Zentren für jüdische Kultur und Dokumentation zusammen. Zudem kooperiert es mit bedeutenden Kunst- und Geschichtsmuseen in Litauen. Das JRC wird häufig gebeten, Materialien aus seinen Judaica-Sammlungen für Ausstellungen und andere Projekte in Litauen und im Ausland zur Verfügung zu stellen.

Das JRC unterhält zudem eine moderne Forschungsbibliothek für Jüdische Studien sowie einen Lesesaal. Internationale Studierende, Wissenschaftlerinnen und Pädagoginnen nutzen sowohl die historischen Bestände als auch die moderne Bibliothek intensiv.

Dr. Lara Lempert ist Leiterin des Forschungszentrums für Judaica, Abteilung für dokumentarisches Kulturerbe der Litauischen Nationalbibliothek Martynas Mažvydas, und Kuratorin der dortigen Judaica-Sammlung.

1 Die ausführlichste Analyse zu den Aktivitäten der „Paper Brigade“ bei David E. Fishman, The Book Smugglers. Partisans, Poets and the Race to Save Jewish Treasures from the Nazis, Lebanon, NH: ForeEdge, 2017