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  • Barbara Engelbach

Die Bibliothek im Museum




Im Kölner Museum Ludwig kombiniert der israelische Künstler Boaz Kaizman seine Videoinstallation „Grünanlage“ mit einer Auswahl von 1.700 Bänden aus der Germania Judaica. Und verleiht so dem Begriff „Museumsbibliothek“ eine ganz neue Bedeutung.



Das Museum Ludwig hatte Boaz Kaizman – 1962 in Tel Aviv geboren und seit 1993 in Köln lebend – gebeten, anlässlich des Festjahres „1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ eine neue Arbeit zu realisieren. Kaizman schuf die raumfüllende Videoinstallation Grünanlage, die bis zum 9. Januar 2022 ausgestellt ist. Darüber hinaus hat er die Kölner Germania Judaica – eine der größten Spezialbibliotheken weltweit zur Geschichte und Kultur des deutschsprachigen Judentums – eingeladen, für diese Zeit eine Dependance mit 1.700 Büchern im selben Ausstellungssaal einzurichten. Die Besucher*innen treffen also nicht nur auf eine Videoinstallation, sondern auch auf drei mit Bänden aus der Germania Judaica gefüllte Regale aus der Kölner Stadtbibliothek. Dort ist die Germania Judaica beheimatet. Drei Tische und ein Computer, mit dem der Bestand recherchiert werden kann, laden die Besucher*innen der Präsenzbibliothek auf Zeit ein, die ausgewählten Bücher zu entdecken und in ihnen zu lesen.



Eine Einladung zum Sehen, Hören und Lesen


Für Kaizman ergab sich das Interesse an der Kölner Bibliothek zur Geschichte des deutschen Judentums aus seinem eigenen künstlerischen Schwerpunkt auf Sprache und Literatur. Beides spielt auch in der neuen Videoinstallation eine wichtige Rolle. Sie besteht aus sieben großformatigen Projektionen, die er wandfüllend über eine achtzehn Meter lange Längswand und zehn Meter lange Querwand ausgebreitet hat. Auf den synchronisierten Projektionsflächen zeigt Kaizman sechzehn Videos. In nur siebzehn Minuten führt er sie so vor, dass von allen Projektionsflächen, die am Anfang mit den Videos gefüllt sind, am Ende nur noch eine am linken Rand zu sehen ist. Dabei orchestriert er mithilfe einer genauen Auswahl die Tonspur der Videos, die alternativ über Kopfhörer auch je für sich zu hören sind. Klänge eines alten amerikanischen Liebesliedes, einer griechischen Laute und eines Klezmer-Stückes füllen zu Beginn den Raum und laden zum Entdecken der vielfältigen Bildwelten ein.



Installationsansicht Boaz Kaizman. Grünanlage, 2021, Museum Ludwig, Köln 3.9.2021 – 9.1.2022 (Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln/Marleen Scholten, © Boaz Kaizman)




Am Ende stehen zwei Videos konkurrierend nebeneinander, in denen konzeptuelle Fragen des Werks verhandelt werden. Von beiden bleibt schließlich das linke Video wie ein Final stehen: Der israelische Schauspieler Dov Glickman liest den Eintrag über die Jiddische Sprache aus dem Jiddischen Wikipedia vor. Aber anders, als man erwarten könnte, ist in dieser letzten Sequenz keine künstlerische Botschaft verborgen, von der aus sich alle Einzelteile der Videoinstallation ableiten ließen. Denn nach dem Abspann startet sie von neuem – und andere Bildkonstellationen mit weiteren Hinweisen sind zu entdecken.


Kaizman hat ein offenes Kunstwerk geschaffen, in dem er ganz unterschiedliche Motive gegeneinanderstellt. Der Künstler ist beim Kochen, Arbeiten oder Joggen zu sehen. Landschaftsbilder wie eine Streuobstwiese, undurchdringliches Gestrüpp, frischgemähter Rasen, ein idyllischer Durchblick auf eine Lichtung oder verworfene Ecken im Grünen entpuppen sich als Kölner Grünanlagen. Es tauchen Persönlichkeiten auf wie die Philosophin Hannah Arendt (1906–1975), die Shoah-Überlebende Jaffa Blajchman (1926–2018) im Heine Haus in Düsseldorf, der Kunsthistoriker David Galloway (1937–2019), der Musiker und Komponist Josef Tal (1910–2008), der Religionshistoriker Gershom Scholem (1897–1982) und der Augenarzt und Erfinder von Esperanto Ludwik Lejzer Zamenhof (1859–1917). Der Bezugsrahmen der Installation ist der Holocaust. Er wird aus der Perspektive der Überlebenden aufgerufen. Dies gilt auch für die Gedichte, die Teil der Arbeit sind. Sie bilden den Ausgangspunkt der Musik, die zu hören ist. Kaizman hat sie von einer Computerstimme einsprechen lassen und diese Töne mit Hilfe von Midi-Dateien in Noten übersetzt.


Die Videobilder sind bewusst so miteinander konfrontiert, dass sie gegen die vermeintliche Abbildhaftigkeit des Mediums die Versprachlichung dessen, was zu sehen ist, herausfordern. Auf diese Weise schafft Kaizman neben den Sprachbildern der Gedichte eine Sprache der Videobilder, die es zu entziffern gilt. Dass in einem solchen aktivierten Rezeptionsprozess nicht nur die (nicht abschließbare) Entdeckung des Kunstwerks enthalten ist, sondern auch das Entdeckt-werden des*der Betrachtenden, hat Theodor W. Adorno hervorgehoben: „Das Rätsel lösen ist soviel wie den Grund seiner Unlösbarkeit angeben: der Blick, mit dem die Kunstwerke den Betrachter anschauen.“



Installationsansicht Boaz Kaizman. Grünanlage, 2021, Museum Ludwig, Köln 3.9.2021 – 9.1.2022 (Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln/Marleen Scholten, © Boaz Kaizman)




Die Germania Judaica als Objet trouvé


Kaizman markiert auf drei Ebenen, worauf sich dieser Blick richten könnte. Er fügt mit dem sehr deutschen titelgebenden Wort „Grünanlage“ der Videoinstallation eine eigene Pointe hinzu. Er reflektiert den Rahmen, den der Auftrag des Festjahres „1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ setzt, als einen Wunsch, dem er sich mit seiner Arbeit entzieht. Und er verschiebt die Frage nach dem jüdischen Leben in Deutschland auf 1.700 Bücher aus der 1959 gegründeten Kölner Bibliothek zur Geschichte des deutschen Judentums Germania Judaica. Wie ein Objet trouvé versetzt er sie samt Regalen und Tischen in das Museum Ludwig. Aus seinem ursprünglichen Zusammenhang herausgelöst, fällt das Design der Regale aus den 1970er Jahren ins Auge, das an den Zeitpunkt erinnert, als die Germania Judaica in das neue Gebäude der Kölner Stadtbibliothek am Neumarkt überführt wurde. Integriert in die „Zentralbibliothek“ kann sie ihrem Anspruch, eine Fachbibliothek zu sein, die möglichst umfassend sammelt, und sich gleichzeitig an die interessierte Öffentlichkeit zu richten, noch besser gerecht werden. Die Präsenzbibliothek ermöglicht es den Leser*innen, den größten Teil des Bestandes an den Regalen zu sichten. Im Museum Ludwig wird dieser Kreis auf Zeit um Besucher*innen erweitert, die die Bücher als Angebot wahrnehmen, die Literatur und ihre Welten zu entdecken.


Installationsansicht Boaz Kaizman. Grünanlage, 2021, Museum Ludwig, Köln 3.9.2021 – 9.1.2022 (Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln/Marleen Scholten, © Boaz Kaizman)




Kaizman hat den Kulturwissenschaftler Andreas Kilcher eingeladen, die Buchauswahl zu treffen. Er forscht zur Geschichte der deutschsprachigen jüdischen Literatur und Kultur in Europa. Den Schwerpunkt seiner Auswahl legte Kilcher auf die Geschichte des deutschen Judentums in Mitteleuropa sowie die deutschsprachige jüdische Belletristik. Der Kosmos deutschsprachiger jüdischer Literatur wird in seiner Buchauswahl erkennbar. Gleichwohl ist das Bibliothekssubstrat in seiner Dekontextualisierung merkwürdig exponiert. In dem Ausstellungssaal wirkt es wie eine Zeitkapsel. Bezogen auf die Bibliotheksgründung 1959 erscheint es wie ein Denkmal für das ausgelöschte jüdische Leben in Deutschland. In der Ausstellung sind es die Leser*innen, die aktivieren können, was Kaizman in der Buchauswahl sieht: „Es ist ein Fenster zur Bibliothek, ein Fenster zu den jüdischen deutschen Autor*innen, ein Fenster zu dieser Welt.“



Dr. Barbara Engelbach ist Kuratorin am Museum Ludwig und leitet die Sammlung Zeitgenössische Kunst, Fotografie und Medienkunst.




Titelbild: Installationsansicht Boaz Kaizman. Grünanlage, 2021, Museum Ludwig, Köln 3.9.2021 – 9.1.2022 (Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln/Marleen Scholten,

© Boaz Kaizman)