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  • Cordula Lissner

Die Bibliotheken im Rabbinerhaus




Das Salomon Ludwig Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte hat seinen Platz an einem idealen Ort gefunden: Im historischen Rabbinerhaus neben der Alten Synagoge in Essen beherbergt es nicht nur eine Arbeitsbibliothek, sondern auch ganz besondere Büchersammlungen. Dazu gehören unter anderem eine Haskala-Sammlung, deren Herzstück mehr als 60 Werke aus der Druckerei der Berliner „Jüdischen Freyschule“ bilden, und die Privatbibliothek des 1956 aus dem Exil nach Köln zurückgekehrten Theaterkritikers und Autors Wilhelm Unger.



Das Salomon Ludwig Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte an der Universität Duisburg-Essen – so der vollständige Name – erforscht die Geschichte und Kultur der Juden im deutschen Sprachraum vom Mittelalter bis in die Gegenwart. 1986 in Duisburg gegründet und seit 2011 im Rabbinerhaus in Essen beheimatet, legt es einen besonderen Akzent auf digitale Methoden und die Mitwirkung am Aufbau forschungsnaher Infrastrukturen. Die Bestände seiner Bibliothek sind über einen eigenen Online-Katalog erschlossen, der in den kommenden Jahren in den OPAC der Universitätsbibliothek integriert werden soll.



Aus der Druckerei der jüdischen Aufklärer in Berlin: Die Haskala-Sammlung


1784 erteilte Friedrich II. der auf Anregung von Moses Mendelssohn hin 1778 gegründeten ersten jüdischen Freischule in Berlin die Erlaubnis zur Gründung einer Druckerei. Die „Orientalische Buchdruckerey der Jüdischen Freyschule" wurde das zentrale Druckhaus der Berliner jüdischen Aufklärung (Haskala). Es entwickelte sich für die nächsten drei Jahrzehnte zur wichtigsten Druckstätte der hebräischen Aufklärung überhaupt.


Im Dezember 1997 entdeckten Mitarbeiter*innen des Steinheim-Instituts im renommierten Amsterdamer Antiquariat Spinoza einen Bücherschatz, den sie wenig später für die Institutsbibliothek erwerben konnten. Mit einer kleinen Fachtagung wurde die neue Sammlung im Sommer 1999 der wissenschaftlichen Öffentlichkeit vorgestellt. Die Haskala-Sammlung des Steinheim-Instituts enthält an die 65 Bücher und damit weit mehr als die Hälfte der bedeutsamen Druckerzeugnisse aus der jüdischen Freischule. Hinzu kommen etwa 35 andere Berliner Hebraica des 18. und frühen 19. Jahrhunderts, ergänzt durch weitere zeitgenössische Drucke aus Amsterdam, Prag und Wien.



Bände der Haskala-Sammlung (© Steinheim-Institut)




Der online verfügbare Haskala-Katalog bietet nicht nur ausführliche bibliographische Angaben, sondern auch hochwertige Digitalisate sämtlicher Titelblätter.


Die meisten Titel aus der jüdischen Freischule sind Bibelübersetzungen, doch wird das Spektrum weit aufgefächert und umfasst ebenso philosophische, medizinische, sprach- und naturwissenschaftliche Werke; auch Lyrik und Belletristik gehören dazu. Aufklärung und pädagogische Intention gehörten eng zusammen, wie die enzyklopädischen Abhandlungen verraten, die Schul- und Lehrbücher und nicht zuletzt die Bildtafeln, mit deren Hilfe Grundlagen der jüdischen Religion historisch und anschaulich erklärt werden. Die zunächst in Königsberg, dann ebenfalls in der Druckerei der Berliner Freischule gedruckte Zeitschrift Ha-Me’assef (Der Sammler) war eines der wichtigsten Organe der jüdischen Aufklärung. Alle Ausgaben von Ha-Meassef sind in der Sammlung des Steinheim-Instituts zu finden.


Joel Brill Löwe (Hg.) Sefer semirot jisra’el (Gesänge Israels – zweisprachige Ausgabe der Psalmen mit deutscher Übersetzung von Moses Mendelssohn in hebräischen Buchstaben), Berlin: Jüdische Freischule, 1785–1791 (© Steinheim-Institut)



Rückkehr aus dem Exil: Die Sammlung Unger


Im großen, hellen Seminarraum des Salomon Ludwig Steinheim-Instituts ziehen sich Bücherregale die Wände entlang, die eine Sammlung aus dem 20. Jahrhundert beherbergen. Hier hat die Privatbibliothek von Wilhelm Unger einen würdigen Platz gefunden.



Die Sammlung Unger im Steinheim-Institut (© Steinheim-Institut)




Der 1904 in Hohensalza/Posen (heute Inowroclaw) geborene Wilhelm Unger lebte ab 1907 mit seiner Familie in Köln. Nach einer Verlags- und Buchhändlerlehre studierte er in Köln und Bonn Germanistik, Philosophie und Psychologie. Bei der Kölnischen Zeitung und dem Westdeutschen Rundfunk sammelte Unger journalistische Erfahrungen. Sein erstes Buch, „Beethovens Vermächtnis“ (Sieger-Verlag, Köln 1929), fiel im Mai 1933 der von nationalsozialistischen Organisationen inszenierten Bücherverbrennung zum Opfer.



© Steinheim-Institut




1939 flüchtete Wilhelm Unger nach England. In London schrieb er Beiträge für die BBC, engagierte sich im „PEN-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland“, war Mitbegründer der Exilvereinigung „Club 1943“ und Initiator einer „Library of the German Language“. Seine Eltern überlebten die Deportation nach Theresienstadt, die beiden Schwestern Ella und Grete wurden in der Schoah ermordet. 1956 kehrte Wilhelm Unger nach Köln zurück. Im Gepäck hatte er zahlreiche Bücher, die ihren Weg aus dem britischen Exil ins Rheinland fanden. In den Regalen begegnen uns so auch englischsprachige Literaturklassiker aus den Reihen der „Pelican“ und der „Penguin Books“.



Bücher aus Wilhelm Ungers Privatbibliothek (© Steinheim-Institut)




Anders als die meisten aus dem Exil zurückgekehrten Kulturschaffenden war Wilhelm Unger schon bald wieder in seiner früheren Heimatstadt wirklich angekommen. Als Feuilleton-Redakteur des Kölner Stadtanzeiger und Mitarbeiter verschiedener Rundfunkanstalten war er bestens vernetzt in der Medienlandschaft und Kulturszene.



Wilhelm Unger (rechts) interviewt Max Brod, ca. 1965 (© HAStK, Nachlass Wilhelm Unger)




In der Einforderung einer Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit spielte der jüdische Remigrant eine wichtige Rolle. Die Schändung der Kölner Synagoge Weihnachten 1959 war der Hintergrund für „Zwei Gespräche zur gegenwärtigen Situation in Deutschland“, die Wilhelm Unger, Heinrich Böll, Paul Schallück und Rabbiner Zvi Asaria öffentlich führten. Hier war es Wilhelm Unger, der die Frage eines neuen Antisemitismus in der Bundesrepublik aufwarf.


Zusammen mit Heinrich Böll und Paul Schallück gehörte Wilhelm Unger zu den Initiatoren einer Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit. Im Januar 1959 war er Mitbegründer der Kölner Bibliothek Germania Judaica. Wilhelm Unger starb am 20. Dezember 1985 in Köln. Sein Grab befindet sich auf dem jüdischen Friedhof in Köln-Bocklemünd.


Dem ehemaligen Duisburger Kulturdezernenten Konrad Schilling, einem engen Freund von Unger, und seiner Nachlassverwalterin Meret Meyer ist es zu verdanken, dass Ungers Bibliothek 1999 aus der Stadtbibliothek Duisburg in das Steinheim-Institut umziehen konnte, das zu dieser Zeit noch in Duisburg beheimatet war. Im Publikum, das zur Präsentation der Bibliothek an ihrem neuen Ort zahlreich erschienen war, fand sich auch eine ganze Reihe von Weggefährt*innen Wilhelm Ungers.


Ein anderer Teil seines Nachlasses, der im Historischen Archiv der Stadt Köln gut aufbewahrt zu sein schien, wird dagegen wohl kaum wieder vollständig restauriert werden können. 48 Kartons mit Manuskripten, Korrespondenzen, Fotos und Audiokassetten versanken am 3. März 2009 in der Baugrube einer neuen Kölner U-Bahnstation, als das Historische Archiv der Stadt zusammen mit zwei benachbarten Wohngebäuden einstürzte.[1]



Cordula Lissner ist seit 2019 wissenschaftliche Geschäftsführerin des Salomon L. Steinheim-Instituts. Die Sammlung Unger verbindet sie mit ihrem langjährigen Forschungsthema Exil und Rückkehr.


Über die Bücherschätze im Essener Rabbinerhaus haben Harald Lordick, Thomas Kollatz und Beata Mache spannende Texte geschrieben, auf die sich dieser Blogbeitrag dankbar bezieht.


Zum Weiterlesen:

[1] https://www.bundesarchiv.de/nachlassdatenbank/viewsingle.php?person_id=39232&asset_id=44420 Unger, Wilhelm (1904-1985). Nachlass. Historisches Archiv der Stadt Köln.



© Titelbild: Steinheim-Institut