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  • Nathanja Hüttenmeister

Aus dem Bücherschrank eines fränkischen Rabbiners um 1600




Wir wissen um die Gelehrsamkeit der Rabbiner und Gelehrten in den wichtigen religiösen Zentren der Frühen Neuzeit. Wir kennen viele ihrer Werke, ebenso die Titel und Auflagen der ersten auf Hebräisch gedruckten Bücher. Sehr viel weniger wissen wir jedoch über die Gelehrsamkeit Einzelner, die keine bekannten Werke hinterlassen haben, die auf dem Land in kleinen und kleinsten jüdischen Gemeinschaften lebten. Die Auswirkungen eines innerjüdischen Streitfalls bieten uns einen seltenen Einblick in die Bibliothek eines fränkischen Rabbiners um 1600.



Im mittelfränkischen Pappenheim bestand zu Beginn des 17. Jahrhunderts eine alteingesessene, aber sehr kleine jüdische Gemeinschaft, die zur Landjudenschaft Altmühl gehörte. 1607 starb hier Rabbiner Samuel. Sein Sohn Hirschlein, der damals in Frankfurt eine Jeschiwa besuchte, kehrte nach dem Tod seines Vaters nach Pappenheim zurück. 1611 konvertierte er – sehr wahrscheinlich als Folge eines langjährigen familiären Streits – zum Christentum und nahm den Namen Veit Heinrich an.


Wahrscheinlich war Hirsch wie seinem Vater Schmuel eine Gelehrtenlaufbahn bestimmt gewesen, hatte er doch offensichtlich dessen umfangreiche theologische Bibliothek geerbt. Nach seiner Konversion wurde eine in lateinischen Buchstaben geschriebene Liste der Bücher erstellt, die Bücher wurden geschätzt und einem (christlichen) „Gelehrten der Heiligen Sprache“ vorgelegt, der einige der Bücher erwerben wollte. Dieser begutachtete die Liste und bemängelte die Unkenntnisse des Schätzers, der wohl „blind“ gewesen sei: Einen Teil der Titel kenne er nicht, ein Teil sei falsch spezifiziert, ein Teil falsch geschrieben.


Die Liste umfasst neben der Standardliteratur wie hebräischer Bibel, Talmud, Mischnajot, Midraschim und Gebetsbüchern auch Bibelauslegungen, halachische Werke, Wörterbücher und Grammatiken, Moralliteratur, philosophische und kabbalistische Werke sowie das Sefer Chassidim und Responsen-Sammlungen. Im Folgenden werden die Titel – soweit möglich – entschlüsselt und nach Genre geordnet vorgestellt. Es zeigt sich eine erstaunliche Vielfalt: zeitlich, geografisch und thematisch.



Staatsarchiv Nürnberg, Herrschaft Pappenheim, Akten, Nr. 4692 („kleinere Judensachen“), 11.12.1611; Repro: Staatsarchiv Nürnberg



Transkription der Liste und Identifizierung der genannten Werke. ©Nathanja Hüttenmeister




Die Büchersammlung eines jüdischen Gelehrten

Die Liste zählt insgesamt 59 Titel auf, die sich allerdings nicht alle sicher identifizieren ließen. Bei drei Titeln ist zusätzlich ein Druckort angegeben – Basel, Venedig und Krakau. Vermutlich wird es sich bei den meisten oder allen anderen Titeln um handschriftliche Abschriften gehandelt haben, wie seinerzeit allgemein üblich.


An erster Stelle (1) der Liste steht das mit Abstand umfangreichste und teuerste Werk der Aufstellung, dessen Wert auf über 250 Reichstaler beziffert wurde: eine dreizehnbändige, in Basel in den Jahren 1578-1581 gedruckte Ausgabe des Babylonischen Talmuds.


Daneben gibt es unter anderem Mischnayes von der Talmud (10), Mischnajot, eine Sammlung der Mischna-Texte, das Werk En Jaakow (17), ein klassisches Kompendium der Aggada (nichtgesetzlichen Teile) des babylonischen Talmuds des spanischen Gelehrten Jacob ben Salomo Chabib (1445-1515 Saloniki), und Chochmat Schlomo (33), die 1582 oder 1587 erschienenen Glossen zum Talmudtext von Salomon Luria (gest. 1583 in Lublin) in Quartformat.


Die Liste enthält auch zwei „kleine“ Bibelausgaben (12+40), eine zweibändige kommentierte Ausgabe der Propheten (2) sowie eine Reihe von Bibelkommentaren: die Werke Torat Adonai Temima (5) des RaMBaN (Nachmanides, katalonischer Gelehrter des 13. Jahrhunderts), Aqedat Jizchak (8) von Isaak ben Moses Arama (einem spanischen Rabbiner aus dem 15. Jahrhundert), Toldot Jizchak (45) des spanischen Gelehrten Isaak Karo (Toledo 1458-1535) und die Kommentare des Abraham ben Meir ibn Esra (spanischer Gelehrter des 12. Jahrhunderts) (23). Der verschiedenen Verfassern zugeschriebene Jalkut haTora (15) enthält eine Sammlung früher Midraschim. Bei Midrasch Schmuel (43) handelt es sich entweder um den Midrasch zu den Büchern Samuel oder um den gleichnamigen Kommentar von Samuel ben Isaac de Uceda (geb. 1. Drittel 16. Jhd. Safed) zu den „Sprüchen der Väter“.



Religiöse, philosophische und wissenschaftliche Werke

Zu den halachischen, also religionsgesetzlichen Werken zählt an erster Stelle das autoritativ gewordene Kompendium Schulchan Aruch (26) von Josef Karo (1488-1575 Safed) sowie sein Werk Bet Josef (11), in dem er dessen talmudische Grundlagen zusammenstellt. Vermutlich doppelt vorhanden ist das nach seinem Verfasser benannte „Buch Mordechai“ (7+14). Der Autor Mordechai ben Hillel (ermordet 1235 Nürnberg), ein Schüler des berühmten Meir von Rothenburg, verfasste diese Kompilation der gesamten aschkenasischen Halacha der vorausgegangenen drei Jahrhunderte. Eine Sammlung jüdischer Gesetze ist das Werk Kol Bo (32) eines unbekannten Verfassers vermutlich aus dem 15. Jahrhundert.


Zu den wichtigsten Standardwerken zählt das Werk von Isaak Alfasi (Algerien 1013 – 1103 Lucena/Spanien), das Sefer HaHalachot, hier schlicht nach seinem Namen Alphes (9) genannt. Es befasst sich mit den Teilen des babylonischen Talmuds, die zu seiner Zeit noch Gültigkeit hatten. Das Sefer Mitzvot Gadol (13), das 1247 fertiggestellte „große Buch der Gebote“ des nordfranzösischen Moses ben Jacob aus Coucy, erläutert alle 613 religiösen Ge- und Verbote. Das Werk Amudei haGola (53), besser bekannt unter dem Titel Sefer Mitzvot haKatan (das „kleine Buch der Gebote“), stammt von dem französischen Gelehrten Isaak ben Josef aus Corbeil (gest. 1280) und kombiniert in sieben Abschnitten in Gedichtform Halacha mit aggadischen und ethischen Elementen. Das aus dem 14. oder 15. stammende Buch Issur veHeter (haAroch) (36) eines unbekannten Verfassers befasst sich ausführlich mit den jüdischen Speisegesetzen, ebenso wie das Werk Torat haChatat von Moses Isserles (um 1525–1572 Krakau), das gleich zweimal vorhanden ist (44+55). Das Buch Maharil (38) ist eine nach seinem Verfasser, Jakob ben Mosche Halevi Molin (MaHaRIL, Mainz 1375–1427 Worms) benannte detaillierte Beschreibung aschkenasischer Lebensweisen und Riten. Es wird auch Sefer Minhagim, „Buch der Bräuche“, genannt und ist hier zusammengebunden mit Sevach Pessach, dem Kommentar zur Pessach-Haggada von Isaak Abrabanel (Lissabon 1437–1508 Venedig).


Das Buch Sch’chitot uWedikot („Schächtung und Untersuchung“) (48) von Jakob Weil aus Weil (um 1400) ist ein Handbuch für das Schächten. Responsen, hebräisch Sche’elot uTschuwot, „Fragen und Antworten“, also Anfragen an Gelehrte und deren Rechtsgutachten, sind mehrfach aufgeführt, einmal zusammen mit Schächtregeln (48) und damit wahrscheinlich mit entsprechendem Bezug, und wohl noch ein weiteres Mal ohne weitere Bezeichnung (54).


Kabbalistische, ethische und philosophische Werke


Zu den kabbalistischen Werken gehört das 1531 abgeschlossene Avodat haKodesch des spanischen Kabbalisten Meir ben Jecheskel ibn Gabbai, das hier in gleich zwei Ausgaben vorliegt – die eine 1567 in Venedig gedruckt (28), die andere 1577 in Krakau (29). Der Biur al haTora (52) ist ein Pentateuchkommentar des spanischen Kabbalisten Bachja ben Ascher (gest. 1340 Saragossa). Der Kabbalist Elijahu de Vidas (1518-1587, Hebron) verfasste die Werke Reschit Chochma (46) und Toz’ot Chajim (59), die sich mit ethischen und moralischen Themen beschäftigen. Unter den ethischen Werken zu finden ist Menorat haMaor (4) von Isaac I. Aboab (Spanien, um 1300), ein volkstümliches Kompendium der talmudischen Ethik mit einer Einleitung („Hactomo“) des Verfassers. Seder haJom (20) von Mosche ben Machir aus Safed (16. Jahrhundert), eine halachisch-kabbalistische Beschreibung und Erläuterung zur Gebetspraxis, wurde erstmals 1599 in Venedig gedruckt und gehört damit zu den aktuellsten Werken in der Bibliothek des Pappenheimer Rabbiners Samuel.


Mit dem unter Nr. (16) genannten „Rabbenu Bachaj“ bzw. unter Nr. (37) genannten „Chaues Haluoves“ könnte beides Mal Bachja ibn Pakuda und dessen um 1080 geschriebenes Hauptwerk Chowot haLewawot („Pflichten der Herzen“) zu verstehen sein. Dies ist das erste wichtige Werk über jüdische Ethik, das 1161 von Jehuda Ibn Tibbon aus dem Arabischen ins Hebräische übersetzt wurde.

Bei „Tschufo / von der bueß 1 theil“ (6) könnte es sich um einen Teil des dreiteiligen ethischen Hauptwerkes des katalanischen Gelehrten Jona ben Abraham Girondi (gest. 1264) handeln. Das Werk Ta’amei haMitzvot (39) stammt von dem italienischen Kabbalisten Menachem ben Benjamin Recanati (13./14. Jhd.) und wurde hier offensichtlich zusammengebunden mit dem Sefer Chassidim von Juda ben Samuel „dem Frommen“ (gest. 1217 Regensburg) und mit Segenswünschen (Brachot).


Unter den philosophischen Werken findet sich Torat haOla (30) von Moses Isserles (1525-1572 Krakau). Es handelt sich dabei um eine eingehende philosophische Erklärung der Bedeutung des Tempels in Jerusalem und seiner Riten. Die philosophisch-theologische Studie der Grundsätze des Judentums Neve Schalom (51) stammt von dem katalanischen Gelehrten Abraham ben Isaac Schalom (gest. 1492). Ohel Ja’akow (57) ist die erstmals 1584 in Freiburg gedruckte, von Jacob ben Samuel Koppelman kommentierte Ausgabe des Sefer haIkkarim des spanischen Religionsphilosophen Josef Albo (um 1380 – um 1444).


Das (fälschlicherweise) dem großen spanischen Übersetzer Jehuda Ibn Tibon (Granada 1120–1190 Marseille) zugeschriebene Werk Ruach Chen (41) ist eine Einführung in die allgemeinen Wissenschaften, hier (wie z.B. auch im Druck Venedig 1549) mit einer „Erläuterung“ (Perusch) versehen.


Manche Werke lassen sich aufgrund nur ihres Titels nicht eindeutig zuordnen. So könnte es sich bei Mekor Chaim (31) entweder um die Erläuterungen handeln, die der spanische Philosoph Schmuel Ibn Zarza Ende des 14. Jahrhunderts zu Ibn Esras Bibelkommentar verfasste, oder, wahrscheinlicher, um das philosophische Hauptwerk des spanischen Philosophen Solomon ben Jehuda ibn Gabirol aus dem 11. Jahrhundert.


Und bei den Werken Choschen haMischpat (18) und Orach Chajim (19) handelt es sich entweder um zwei Teile des Schulchan Aruch von Josef Karo oder der Arba’a Turim von Jakob ben Ascher (Köln 1283–1340 Toledo), dem Josef Karo in seiner Einteilung des Schulchan Aruch folgt.


Mit „Sephra Hagota“ (24) könnte Sefer Hagada, d.h. die Pessach-Haggada gemeint sein. Dreimal (35, 49, 50) sind Gebete bzw. Gebetsbücher verzeichnet (Tefillot) und unter Nr. (3) ist vielleicht eine Haskama verzeichnet, ein Imprimatur bzw. das Gutachten eines rabbinischen Gelehrten zu einem religiösen Werk.


Auch mit der hebräischen Sprache beschäftigte sich Rabbiner Samuel eingehend. So findet sich unter den Büchern das Wörterbuch Sefer haSchoraschim (25) des Exegeten und Grammatikers David Kimchi (1160–1235 Narbonne). „Dicktuck“ (56) ist eine hebräische Grammatik (Dikduk), mit „Sepher Dikodim“ (47) könnte vielleicht ebenfalls ein Grammatikbuch gemeint sein, Sefer Dikdukim.


Es handelt sich hier um die umfangreiche Bibliothek eines fränkischen Rabbiners, die von seiner soliden Ausbildung zeugt. Sie enthält nicht nur die bekannten Werke der mittelalterlichen Gelehrten, sondern auch zeitgenössische Werke und neben der religiösen auch philosophische und (sprach)wissenschaftliche Literatur. Und sie macht deutlich, dass sich das jüdische Wissen der Zeit nicht nur auf die Zentren konzentrierte. Es war auch auf dem Land in den kleinsten jüdischen Gemeinschaften zu Hause.



Nathanja Hüttenmeister ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Salomon Ludwig Steinheim-Institut und hier vor allem zuständig für Epigraphik und Memorbücher.