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  • Stefan Litt

Der größte Bücherschatz des jüdischen Volkes




Die Israelische Nationalbibliothek (Hasifria hale‘umit schel Yisrael) ist die größte öffentliche israelische Bibliothek. Mehr als das: Sie ist die weltweit größte Bibliothek des jüdischen Volkes. Der Bestand umfasst heute mehr als vier Millionen Medieneinheiten. Dabei waren die Anfänge vor rund 130 Jahren bescheiden.



Mit der Gründung des Bet Midrash Abarbanel im Jahr 1892 wurde erstmals eine öffentliche jüdische Bibliothek in Jerusalem eingerichtet. Die Initiative dafür ging von der Jerusalemer B‘nai-B‘rith-Loge aus. Der Name der Institution war sehr bewusst gewählt: Er erinnert an das spanische Judentum, das 1892 genau 500 Jahre zuvor aufgehört hatte zu existieren. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts blieben die Bibliothek und ihre Bestände sehr überschaubar, erhielten aber durch die private Buchschenkung des Bialystoker Arztes Josef Chasanowitsch (1844-1919) im Umfang von 20.000 Bänden eine neue Dimension. Um an diese frühe Schenkung zu erinnern, trug die Bibliothek für einige Jahre noch den Namenszusatz Ginsei Josef (Josefs Archive).



Ora ve-simha le-yehudim, Amsterdam: Proops 1768, Druck auf Satin

Besitzstempel der Ginsei Josef und von Dr. Josef Chazanowicz (Chasanowitsch)

(© NLI)




Öffentliche Bibliothek – Nationalbibliothek – Universitätsbibliothek

Zwischen 1902 und 1913 war die Bibliothek wiederholt das Thema von Erörterungen auf Zionistischen Kongressen. Das Ziel war, die Trägerschaft in die Hände der Zionistischen Weltorganisation zu legen, um sie so zu einer nationalen Einrichtung der jüdischen Gemeinschaft in Palästina umzugestalten. Trotz vieler Initiativen gelang dieser Schritt erst im Jahr 1919. Bald darauf wurde die Bibliothek in Jüdische Nationalbibliothek (Bet Hasfarim Le'umi) umbenannt. Schon seit dem 7. Zionistenkongress 1905 stand jedoch auch die Idee im Raum, diese Bibliothek zu gegebener Zeit der noch zu gründenden Hebräischen Universität anzugliedern. 1920 trat der aus Prag stammende Philosoph und Bibliothekar Hugo Bergmann (1883-1975) sein Amt als Leiter der Bibliothek an, das er für 15 Jahre beibehalten sollte. Mit ihm setzte eine außergewöhnliche Entwicklung ein, die die Sammlung der Bibliothek und die räumliche Vergrößerung auf eine neue Stufe hob. Mit der Aufnahme des Lehrbetriebs der Hebräischen Universität im Jahr 1925 erfolgte die offizielle Umbenennung in Jüdische Universitäts- und Nationalbibliothek (Bet Hasfarim Le'umi ve-Ha'universitai).



Deutschsprachige Direktoren

Bergmann eröffnete die Reihe aus dem deutschsprachigen Kulturraum stammender Bibliotheksdirektoren, die über die folgenden fünf Jahrzehnte hinweg die institutionelle Atmosphäre weitgehend bestimmten und der Bibliothek eine bis heute spürbare europäische Prägung gaben. Sein Nachfolger, Gotthold Weil (1882-1960), war Orientalist und vor 1933 Leiter der Orientabteilung der Preußischen Staatsbibliothek in Berlin gewesen, später (1931-1934) Professor in Frankfurt und von 1935 bis 1946 Direktor der Jerusalemer Nationalbibliothek. Auf ihn folgte der Literaturwissenschaftler Curt Wormann (1900-1991), der Bibliothekar einer städtischen Bibliothek in Berlin war, bevor er ab 1937 an der Stadtbibliothek in Tel Aviv und schließlich 1948-1968 an der Nationalbibliothek tätig wurde.


Im Jahr 1930 bezog die Bibliothek ihr neues, von David Wolffsohn gestiftetes Gebäude auf dem Mount Scopus. Dies unterstrich die institutionelle Zugehörigkeit zur Hebräischen Universität. Das markante Gebäude blieb jedoch nur 18 Jahre in Betrieb und musste 1948 infolge des Unabhängigkeitskrieges schließen, als der gesamte Universitätscampus zu einer schwer zugänglichen israelischen Exklave im jordanischen Staatsgebiet wurde.





Bibliotheksgebäude auf dem Mount Scopus, ca. 1935 (Fotograf unbekannt, © NLI)




Bis zum Jahr 1960 waren die ständig wachsenden Bibliothekssammlungen auf mehrere Standorte im Westteil Jerusalems verstreut. Mit der Eröffnung des neuen Gebäudes auf dem Alternativcampus der Hebräischen Universität in Givat Ram war schließlich ein gebührendes Domizil geschaffen, das über mehr als sechs Jahrzehnte die Bestände beherbergen sollte.


Mit dem Wegzug der Geistes-und Sozialwissenschaften zurück auf den wiederbelebten Mount Scopus verlor die Nationalbibliothek die wichtigen Nutzerinnen und Nutzer aus diesen akademischen Disziplinen, die sich jetzt zu einer Fahrt von einem Campus zum anderen entschließen mussten.



Umzug 2022: neue Heimat neben Knesset und Israel-Museum

Nach einem jahrelangen Gesetzgebungsprozess, dem Empfehlungen einer international besetzen Expertenkommission vorausgegangen waren, wurde schließlich die Bibliothek aus der Hebräischen Universität ausgegliedert und als Israelische Nationalbibliothek (NLI) 2007 neu gegründet. Die vollständige institutionelle Unabhängigkeit erreichte die Bibliothek 2011. Es wurde erstmals eine schriftlich fixierte Sammlungspolitik erstellt und die auf mehr als vier Millionen Medieneinheiten angewachsene Sammlung in vier große Bereiche geteilt: Judentum, Israel, Islam und Vorderer Orient sowie allgemeine Geisteswissenschaften. Das Mandat der Nationalbibliothek hat der Gesetzgeber klar umrissen, es umfasst zwei Kernaufgaben: 1. Die zentrale öffentliche Bibliothek des Staates Israel und aller seiner Einwohner zu sein (einschließlich der Sammlung von Pflichtexemplaren aller in Israel erscheinenden Publikationen) und 2. als weltweit führende und größte Bibliothek des jüdischen Volkes zu fungieren. Daneben dient die Nationalbibliothek weiterhin als zentrale Forschungsbibliothek der Hebräischen Universität. Das jährliche Budget stellt zur Hälfte der Staat Israel bereit, zu einem weiteren Viertel die Hebräische Universität, während die Bibliothek das letzte Viertel selbständig erwirtschaften muss. Gegenwärtig sind rund 350 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an der NLI beschäftigt.


Neben nahezu zwei Millionen Büchern besitzt die Israelische Nationalbibliothek zahlreiche Sondersammlungen:

  • Mehr als 17.000 jüdische Handschriften

  • mehr als 2.000 islamische Handschriften

  • ca. 1.000 christliche Handschriften

  • ca. 350 Inkunabeln

  • mehr als 1.200 Vor- und Nachlässe, darunter die von Samuel Josef Agnon, Martin Buber, Hugo Bergmann, Max Brod und Franz Kafka, Gershom Scholem, Else Lasker-Schüler, Hannah Szenes, Abraham B. Jehoshua, David Grossman, dazu tausende Einzelautografen

  • ca. 250 Nachlässe von Musikern sowie zehntausende Stunden von Tonaufnahmen

  • die theologischen Schriften von Isaac Newton

  • ca. 10.000 historische Landkarten



Aus den Sammlungen der Israelischen Nationalbibliothek (© NLI)




Die Existenz vieler dieser Sondersammlungen resultiert aus privaten Schenkungen, ohne die die Reichhaltigkeit der Sammlungen und ihre Diversität undenkbar wären. Zu nennen sind hier der Orientalist und Sammler Abraham Shalom Yahuda (1877-1951), Eran Laor (1900-1990), Sidney Edelstein (1912-1994) und Harry Friedenwald (1864-1950), deren private Sammlungen das Gesamtbild immer facettenreicher werden ließen.


Neben dem ständigen weiteren Erwerb von Schriften und Publikationen aus den genannten Kernsammelbereichen, darunter auch je zwei Pflichtexemplare aller in Israel erscheinenden Publikationen, ist die Nationalbibliothek bestrebt, ihre Sammlungen und Bestände digital zugänglich zu machen, soweit urheberrechtliche Aspekte dies gestatten. Besonderes Augenmerk wird dabei auf Handschriften, Archive, Ephemera und Fotografien gelegt.



Das neue Bibliotheksgebäude der Israelischen Nationalbibliothek (© NLI)




Um der Nationalbibliothek ein geeignetes Umfeld für die optimale Erfüllung ihrer Aufgaben zu ermöglichen, wurde seit der institutionellen Eigenständigkeit die Errichtung eines neuen Gebäudes geplant, das erstmals seit 1930 wieder außerhalb des universitären Rahmens gelegen sein wird. An bester Adresse, in unmittelbarer Nachbarschaft der Knesset und des Israel-Museums, wird voraussichtlich im Sommer 2022 der hochmoderne Neubau, konzipiert vom Architekturbüro De Meuron und Herzog aus Basel, die Nutzerinnen und Nutzer zum Besuch einladen. Erstmals werden hier umfangreiche Ausstellungsräume, ein Auditorium sowie ein eigener Bereich für zahlreiche Bildungsprogramme zur Verfügung stehen.



Dr. Stefan Litt ist Kurator für allgemeine Geisteswissenschaften und Archivar




Titelbild: © NLI, Foto: Hanan Cohen