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The Library of Lost Books: Die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums kehrt zurück ins kulturelle Gedächtnis

  • Kinga S. Bloch, Bettina Farack
  • vor 5 Tagen
  • 7 Min. Lesezeit

Vorbemerkung: "The Library of Lost Books" ist ein internationales Projekt, das eine Ausstellung und eine Online-Kampagne umfasst. Es soll an die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin erinnern und über sie informieren. Die Hochschule war sowohl ein Rabbinerseminar als auch das erste Forschungsinstitut für Jüdische Studien in Deutschland. Das Projekt dokumentiert die Geschichte der Hochschule, die Plünderung der Bibliothek durch die Nazis und die Zerstreuung ihrer Überreste in der Nachkriegszeit. Es ist auch ein globales Citizen-Science-Projekt zur Suche nach den 60.000 verlorenen Werken. Bis heute wurden Bücher in Deutschland, der Tschechischen Republik (Prag), Israel, den USA und Großbritannien gefunden. Die "Library of Lost Books" ist ein Gemeinschaftsprojekt der Leo-Baeck-Institute in Jerusalem und London und der Freunde und Förderer e. V. Berlin. Es ist Teil der Bildungsagenda NS-Unrecht, die vom Bundesministerium der Justiz und der Stiftung EVZ/Erinnerung, Verantwortung und Zukunft gefördert wird.






Gängige Erzählungen von verlorenen Orten leben von Bildern spektakulärer Wiederentdeckungen und dramatischer Rettungsaktionen. Wir stellen uns die dramatische Bergung verborgener Schätze vor, spektakuläre Enthüllungen in dunklen Gängen und Kellern oder sogar die Erkundung von Ruinen. Aber wo und wie beginnen wir eine solche Suche, wenn es keinen physischen Ort gibt, an dem wir nach dem Verlorenen suchen können? Was kann man tun, wenn es keine Karte gibt, der man folgen kann, weil der Ort selbst verschwunden ist und man nirgendwo wertvolle Gegenstände aus der Vergangenheit ausgraben könnte? Und was passiert, wenn wir nach Gegenständen aus empfindlichen Materialien wie Papier suchen, die nicht vergraben, sondern gestohlen, in Umlauf gebracht und in der Welt verstreut sind? Wie suchen wir nach einer Sammlung, die nur noch in Fragmenten erhalten ist, ohne Katalog oder Adresse? Die Bibliothek, die sich im Zentrum dieser Abwesenheit befindet und um die es hier gehen soll, existierte einst als physische Einrichtung, bevor sie aufgelöst und auseinandergerissen wurde.



Das Projekt „The Library of Lost Books“ (Die Bibliothek der verlorenen Bücher, 2023–2025) ist ein Versuch, sich mit den beschriebenen Fragen auseinanderzusetzen. Es beschäftigt sich mit den fragmentarischen Überresten einer einzigartigen Bibliothek, die einst einer jüdischen Gemeinschaft im Zentrum Berlins gehörte: der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums (1872–1942). Die Hochschule war Sitz eines Rabbinerseminars, das Rabbiner nach den Grundsätzen des Reformjudentums ausbildete. Sie war auch das erste Forschungsinstitut für Jüdische Studien in Deutschland. Ihre progressive und offene Herangehensweise an das Judentum zog Wissenschaftler*innen und Studierende aus ganz Europa an, die in der deutschen Hauptstadt eine lebendige und vielfältige Gemeinschaft bildeten. Das Institut stand Studierenden und dem intellektuellen Austausch über die Religionen hinweg offen. Häufig hielten Wissenschaftler der nahe gelegenen Berliner Universität dort Vorträge. Die Themen der Hochschule reichten von der historischen Auseinandersetzung mit biblischen Texten bis hin zu modernen Fragen wie etwa der Möglichkeit von Frauen, das Rabbineramt zu bekleiden, oder Argumenten für den Universalismus der jüdischen Ethik. Zu den Studierenden und Mitarbeiter*innen gehörten prominente und innovative Vertreter*innen des deutschen Judentums wie etwa Leo Baeck, Franz Rosenzweig und die erste Rabbinerin überhaupt, Regina Jonas. Franz Kafka war während seiner Anwesenheit in Berlin häufig in den Räumen der Hochschule anzutreffen und soll den Lesesaal besonders gemocht haben.


 

Die Bibliothek der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums: eine Wiederentdeckung

 

Die Bibliothek der Hochschule spiegelte die vielfältigen Forschungsinteressen ihrer Wissenschaftler*innen und Studierenden wider. Mit einem Bestand von etwa 60.000 Bänden, darunter seltene Ausgaben wie die Herlinger Haggada (1729–1730) oder das Luzzato-Manuskript (Samuel David Luzzattos Synonymia Hebraica – Mavdil Nirdafim; ca. 1815–1820), war sie eine der größten Büchersammlungen zur jüdischen Geschichte, Religion und Kultur in Deutschland vor 1942. Neben wegweisenden Werken, die Debatten in der zeitgenössischen Judaistik widerspiegelten, umfasste die Sammlung auch Materialien, die das Leben jüdischer Gemeinden und Institutionen aus aller Welt dokumentierten, wie beispielsweise die Jahresberichte der Union of American Hebrew Congregations, das Bulletin de L’ Alliance Israelite Universelle (Paris) oder die polnischsprachige Vierteljahresschrift Palestyna (1908), die detaillierte Einblicke in kulturelle und wirtschaftliche Fragen in Palästina gab.



 

Collage aus der Online-Ausstellung „Library of Lost Books“: Fassade der Berliner Hochschule in den Trümmern des Jahres 1945




Es gibt auch Belege für vielfältige Kontakte zu deutsch-jüdischen Einrichtungen wie der Jacobsen-Schule in Seesen am Harz, der Israelitischen Lehrerbildungsanstalt Würzburg, dem Israelitischen Vorschuss-Institut Hamburg und der Gesellschaft zur Verbreitung der Handwerke und des Ackerbaus unter den Juden im Preußischen Staat 1812–1898, um nur einige zu nennen. Die Sammlung diente somit nicht nur als wissenschaftliche Ressource, sondern auch als Knotenpunkt in einem transnationalen Netzwerk jüdischer Wissensproduktion und -dokumentation. Die Bibliothek betreute die Bibliothekarin Jenny Wilde. Sie war wahrscheinlich die erste weibliche Leiterin einer akademischen Sammlung in Deutschland.


 

Aus der Online-Ausstellung: Wilde und ihre Kolleg*innen am Auskunftsschalter der Hochschulbibliothek, ca. 1938.




Zerstörung, Raub und Zwangsarbeit

 

Nach fast einem Jahrzehnt der Unterdrückung unter dem nationalsozialistischen Regime wurden dieser einzigartige Ort jüdischer Bildung 1942 zwangsweise geschlossen. Die Bücher wurden auf behördliche Anordnung geraubt und vom „Amt IV Geheimes Staatspolizeiamt: Gegner-Erforschung und -Bekämpfung“ des Reichssicherheitshauptamtes beschlagnahmt. Viele Mitarbeiter*innen wurden nach Theresienstadt deportiert, ebenso gelangten eine Reihe der Bücher in das Konzentrationslager. Jenny Wilde und andere wurden dort gezwungen, die Bücher zu katalogisieren – für die Nazis, die sie, neben vielen anderen jüdischen Sammlungen, für ihre antisemitischen Studien zur jüdischen Geschichte und Kultur missbrauchen wollten. Die Bibliothek wurde so gewaltsam von einer wissenschaftlichen Ressource in ein Instrument der rassistischen Wissensproduktion umgewandelt.


 

Die Situation nach 1945: auseinandergerissen, zerstört, verschollen

 

Da es keinen Rechtsnachfolger der Hochschule gibt, wurden die Bücher, die sich nach 1945 wiederfanden, unter jüdischen Organisationen verteilt. Viele Bände scheinen zerstört, gestohlen oder über die Welt verstreut worden zu sein. Was einst eine zusammenhängende Sammlung war, wurde zu einer Diaspora einzelner Objekte, die jeweils in neue institutionelle, kommerzielle oder private Zusammenhänge gelangten. In einigen Fällen fanden Bücher aus der Hochschule ein neues Zuhause, wo sie Wissenschaftler und Öffentlichkeit gleichermaßen schätzten, wie beispielsweise die Herlingen-Haggada am Leo Baeck College in London oder die Bücher aus Theresienstadt, die in die Sammlungen des Jüdischen Museums in Prag aufgenommen wurden. Solche Fälle sind jedoch eher die Ausnahme als die Regel.


 

Ein Buch der Hochschule mit Provenienz-Markierungen. Die Fallstudie erläutert jede Spur, um Buchdetektive bei ihrer Suche anzuleiten. Das Buch steht heute in der Bibliothek des Leo Baeck Institutes Jerusalem.




Die Zerstreuung der Bücher schuf eine Bibliothek ohne Zentrum, Katalog oder institutionellen Nachfolger, die nur dadurch weiter existierte, dass ihre Fragmente im Umlauf waren. Das Projekt ist der Versuch, die Aufmerksamkeit auf das Schicksal solcher jüdischen Bibliotheken zu lenken, die von den Nationalsozialisten systematisch geraubt wurden. Es wirft ein Schlaglicht auf die Situation jüdischer Sammlungen, die nicht restituiert werden konnten, weil ihre Institutionen zerstört wurden. Das Projekt betrachtet die auseinander gerissene Sammlung nicht als unwiederbringlichen Verlust, sondern als eine verstreute Bibliothek, deren Spuren dokumentiert, miteinander verknüpft und wieder lesbar gemacht werden können. Im Mittelpunkt der Projektarbeit stand die Rekonstruktion der Provenienzwege: die Identifizierung einzelner Bücher, ihre Lokalisierung in den Beständen der derzeitigen Besitzer und die Rekonstruktion ihrer Bewegung im Laufe der Zeit. Eine öffentliche digitale Plattform und internationale Beteiligung ermöglichten diese Rekonstruktion in einem Umfang, die einer einzelnen Institution allein unmöglich wäre.

 

 

Eine verschwundene Bibliothek wird sichtbar

 

An der gemeinsamen Forschung waren Bibliotheken, Schulen und Freiwillige aus mehreren Ländern beteiligt. Dank öffentlicher Unterstützung konnten etwa 5.000 Bücher dokumentiert werden, die jeweils als Knotenpunkt in einer sich ständig erweiternden Karte dieser Bibliothek ohne Ort hinzugefügt wurden.

 

Die Rekonstruktion der Sammlung war mit verschiedenen Herausforderungen verbunden: Es fehlte an einem umfassenden Katalog, die Bücher waren über viele Sammlungen hinweg verstreut und die Daten, die uns unsere enthusiastischen Buchdetektive meldeten, waren heterogen. Dennoch tauchten immer wieder einzelne Bände auf. Jedes dieser Bücher weist Spuren von Bewegung, Besitz und Wiederverwendung auf. Zusammengenommen stellen diese Fragmente zwar nicht die ursprüngliche Bibliothek wieder her, aber sie machen das Netzwerk sichtbar, das diese ersetzt hat. Dies alles legt nahe, dass die Bibliothek nicht einfach verschwunden ist, sondern ihre Form verändert hat. Ihr Nachleben veranschaulicht, was Markus Kirchhoff (2002) als ein prägendes Merkmal der modernen jüdischen Bibliotheksgeschichte identifiziert hat: die großräumige Bewegung von Büchern, durch die jüdische Sammlungen nicht einfach zerstört, sondern durch erzwungene Verlagerung und nachfolgende Zirkulation transformiert wurden. Die Kartierung dieser Wege ist kein Akt der Wiederherstellung, sondern eine Möglichkeit, die Geschichte dieser Sammlungen aus Bewegung und Bruch heraus zu schreiben. Anstatt ein verlorenes Ganzes wiederherzustellen, geht es darum, die verstreute Bibliothek so anzuerkennen, wie sie jetzt existiert: als eine Konstellation von Objekten und ihren individuellen Geschichten.



Kinga S. Bloch ist Dozentin am Fachbereich Geschichte der Queen Mary University of London mit den Schwerpunkten deutsch-jüdische Geschichte und Europa im Kalten Krieg. Sie ist Teil des Teams der Library of Lost Books und arbeitet seit ihrer Zeit als stellvertretende Direktorin des Leo Baeck Institute London (2019-2024) an Projekten zur Förderung der Sichtbarkeit jüdischer Bibliotheken. Zu ihren Veröffentlichungen gehören Artikel über den Einfluss von Fernsehserien auf das Gedächtnis und den gesellschaftlichen Diskurs. Sie hat einen Master-Abschluss in Geschichte und Philosophie der Humboldt-Universität zu Berlin und hat gerade ihre Doktorarbeit über Geschlechterrollen in Fernsehserien eingereicht, die während des Kalten Krieges in Ost- und Westdeutschland sowie im sozialistischen Polen produziert wurden (UCL).


Bettina Farack ist Doktorandin an der Universität Erfurt. In ihrer Dissertation untersucht sie die Bibliothek des Leo Baeck Institute Jerusalem und die materielle Geschichte seiner Bücher als Zeugnisse von Zwangsmigration und Verfolgung. Sie beleuchtet dabei zentrale Dimensionen der deutsch-jüdischen Erfahrung anhand der Provenienzgeschichte. Bettina Farack studierte Bibliotheks- und Informationswissenschaft, Philosophie und Evangelische Theologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Von 2019 bis 2022 leitete sie die Bibliothek und das Archiv des Leo Baeck Institute Jerusalem. Von 2023 bis 2025 koordinierte sie das Projekt zur Schaffung der Bibliothek verlorener Bücher. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Bibliotheksgeschichte, Sammlungstheorie und Provenienzforschung.

 

 

Literatur

 

Kinga S. Bloch, Bettina Farack and Irene Aue-Ben-David, ‘Mission (Im?)Possible: ‘Holocaust Education’ und Citizen Science nach dem 7. Oktober’, in: EVZ Magazin der Bildungsagenda NS-Unrecht, Nr. 3 (2025) https://www.stiftung-evz.de/en/what-we-support/education-agenda-ns-injustice/magazine-of-the-education-agenda-ns-injustice-2025/mission-impossible-holocaust-education-and-citizen-science-after-october-7-2023/.

 

Bettina Farack, Kinga S. Bloch and Irene Aue-Ben-David, “Library of Lost Books.” An online exhibition, https://libraryoflostbooks.leobaeck.org/, 2023. The Library of Lost Books project was generously funded by the EVZ Education Agenda NS Injustice (2023-2025).

 

Bettina Farack, ‘The End of a Library: The Wartime Fate of the Library of the Hochschule für die Wissenschaft des Judentums Library Collections’, Judaica Librarianship 23 (December 2024), 6-24. https://doi.org/10.14263/23/2024/1415.

 

Irene Kaufmann, Die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums (1872-1942), (Berlin: Hentrich & Hentrich, 2006).

 

Markus Kirchhoff, Häuser des Buches. Bilder jüdischer Bibliotheken (Leipzig: Reclam, 2002).

 

Felix Steilen, Berlin in Cincinnati — Scenes from the End of the ‘Hochschule für die Wissenschaft des Judentums’, in: The Leo Baeck Institute Year Book, Volume 69, Issue 1, 2024, Pages 145–162, https://doi.org/10.1093/leobaeck/ybae010.





Titelbild: Standbild aus dem Ausstellungstrailer. Er lädt die Betrachter*innen ein, selbst nach den verlorenen Büchern zu suchen (hier: You Tube).

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